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Die Story der Bar 11

Herbst 1999. Der "neue Markt" war kurz vor seinem Zenith angekommen, Die IT Branche boomte. Zusätzlich verdienten sich windige Firmen Millionen mit der völlig sinnlosen Bekämpfung des Y2K-Problems, besser bekannt unter dem Namen Millenium-Bug.

RobbieRobby plagten ganz andere Probleme - er hatte in 3 Jahren eine Baufirma für Holzbodenveredelung aufgezogen und auch die Auftragslage war OK. Zumindest zahlte Robby immer pünktlich seine Angestellten und zum Leben war auch noch was übrig. Wenn da nicht diese verdammten Bauherren wären, die glaubten, mal eben ein Haus in Mitte schnell ganz schick sanieren zu können und nach der Hälfte der Bauzeit die Puste und vor allem das Geld ausging. Gerade hatte sich zum zweiten mal einer dieser Verkalkulierer in die Hosen geschissen und sich das Leben genommen, besser gesagt, er stürzte sich vom Dach seiner Sanierungsruine. Und wieder gingen Robby 40.000 DM für Investitionen, Material und bis dahin angefallene Löhne flöten. Es musste etwas geschehen.

Hermann B. lag Robby schon seit Wochen in in den Ohren, man müsste das ehemalige Villon auf der Wiener Str. endlich mal wieder fit machen, der Laden wäre phantastisch, gut gelegen und Kühltechnik, Zapfanlage, Tresen, Kaffeemaschine sowie einige Möbel wären schon in dem Laden drin. Eine erste Begehung bestätigte dies zwar, aber es war auch ganz schnell klar, das hier eine Riesenmenge Arbeit auf einen wartete und es eben "nicht mal eben" mit einer kleinen Putzaktion getan wäre. Um es deutlicher auszudrücken - Im Keller stapelte sich der Müll, die Wände waren in einem miserablen Zustand, die Möbel kaum zu gebrauchen, tote elektrische Leitungen, ein Benzinofen, der mit bestem Willen und fachmännischem können nicht mehr zur Funktion gebracht werden konnte. Die Kühlanlage kannte nur die Einstellungen "Gefrieren" oder "Aus" und die Kaffeemaschine musste auch erstmal generalüberholt werden.

Aber die Lage zwischen "Madonna" & "Wild at Heart" war wirklich klasse, die Kacheln an den Wänden hätte man dem ehemaligen Siffer-Drogendealer-Treff "Villon" kaum zugetraut und der runde Tresen würde sicherlich einladend wirken (wenn man mal den Dreck der letzten Jahre entfernt hat). Und Robby wäre nicht Robby, hätte ihn hier nicht sein Ehrgeiz gepackt. Er verfügte über weitreichende gastronomische Erfahrung und Szenekenntnis, um aus diesem Loch eine anständige Nachtbar zu zaubern. Also wurde die Improvisations-Polizei gerufen, ein Trupp aus Freunden, die immer da waren, wenn man für ein paar Bier bis zum Umfallen schuften durfte.

Schliesslich hatte Robby auch nie gekniffen, wenn es um Umzüge, Renovierung oder eben mal einen Boden abschleifen ging. Da mussten wir alle jetzt durch. Decken und Wände wurden gestrichen, Leitungen gelegt, um ein paar Möbel zu ergattern, feilschte man mit den türkischen Second-Hand-"Möbelhäusern" um jeden Pfennig (ihr glaubt garnicht, wie teuer Barhocker sind), Lampen installiert, Ware eingekauft, "halt das muss nochmal das passt so nicht", zwischendurch den ganzen Ämterkram erledigen (ohne amtliche Getränkekarte mit Hinweisen auf das gefährliche Coffein und Chinin musst Du garnicht erst antanzen), permanent funktionierte etwas Neues nicht und zwei Investoren, die Robby eigentlich freie Hand lassen wollten, ihn als Geschäftsführer einsetzten, kamen nun auch noch jeden Tag vorbei und gaben ihre unqualifizierten Kommentare ab. Wir sprechen hier nicht von einem Zeitraum von mehreren Monaten von Renovierungsbeginn bis zur Eröffnung, sondern von 8 Tagen !

Aber irgendwie geht ja immer alles. Am letzten Freitag im November 1999 war die Eröffnung geplant. Abends zuvor hatten wir die Ware in die Kühlschränke eingeräumt und als alle am nächsten Morgen eintrudelten, um die letzten Bauschutt-Reste zu entfernen und nochmal so richtig sauber zu machen, überfiel uns das nächste Problem: Die Hälfte der Bierflaschen war über Nacht gefrohren, und hatte das Glas zum platzen gebracht. Super - noch kein Gast da, und die Hälfte der Ware bereits zum Wegwerfen bereitstehend. Das ist wohl das, was Wirte mit "Schwund" in der unangenehmsten Form bezeichnen. Der Lieferant freute sich offensichtlich.

Robby und Plonds überpinselten noch das "Vi" und das "on" der "Bar-Villon" Leuchtschrift über dem Eingang, sodaß nur noch "Bar ll" übrig blieb, die "Ells" mussten halt mal als Einsen herhalten. Das Heizungsproblem war auch vorübergehend gelöst, 2 Propangasheizlüfter sorgten für etwas Wärme, schließlich war es Winter. Eine zusammengeschusterte Anlage aus 2 geschenkten DDR-Boxen, einem popeligen Verstäker und der erstaunlich gut funktionierende CD-Player eines von Renovierungsfarbflecken übersähten Gettoblasters sorgte für die notwendige (Hintergrund)-Musik.

Es sollte eine Party werden, die die Winer Str. so schnell nicht vergaß. Robby & Frank wirbelten bis zur Erschöpfung hinter der Bar, das obligatorische Freibierfass war schnell gelehrt, Cocktails, Kurze und Unmengen von Flaschenbieren gingen über den Tresen. Die zahlreichen Gäste waren dem Event angemessen in absoluter Partystimmung, getanzt wurde auf Tischen, Tresen und der nicht vorhandenen Tanzfläche und um 8 Uhr morgens war immer noch einiges los. Ein durchaus gelungener Start.

Robby viel in einen langen tiefen Schlaf um sein Defizit der letzten Wochen zumindest ein wenig auszugleichen. Das wäre erstmal geschafft ! Doch welcher Drahtseilakt noch vor ihm lag, davon träumte er in dieser Nacht sicherlich nicht.

Fortsetzung folgt....

Aus "Meine Bar 11 Chronicals" von Chris Pedersen